IST WISSENSCHAFTS-KOMMUNIKATION ÜBERFLÜSSIG?

Rubrik: Wissenschaftsvermittlung – Grundsatzdiskussion

In der Dezemberausgabe des Forschungsmagazins Horizonte des Schweizerinschen Nationalfonds erschien ein Artikel von Pius Knüsel, in welchem er die Wissenschaftskommunikation als schädliches Schaulaufen der Forschungsinstitutionen beschreibt. Unten mein Leserinnenbrief, der in der Märzausgabe 2015 abgedruckt wurde.

Dies ist meine persönliche Meinung ohne Anspruch, die Sicht der Fachhochschule Nordwestschweiz zu repräsentieren.

Ich bin mit Pius Knüsel einverstanden, dass Diskussionsbedarf besteht sowohl zum Verhältnis von Wissenschaftskommunikation und Marketing als auch zu utilitaristischen Rechtfertigungsstrategien. Nicht einverstanden bin ich, wenn alle Bemühungen, Wissenschaft der Öffentlichkeit näher zu bringen, pauschal für verzichtbar erklärt werden, mit der Begründung, das Wichtige «diffundiere» sowieso in die Gesellschaft.

Was immer Pius Knüsel unter Diffusion versteht – sie findet nicht automatisch statt. Sie hat beispielsweise nicht stattgefunden, wenn ein Leserbriefschreiber im «Tages-Anzeiger» vor einer Abstimmung die Ansicht vertritt, dass die internationale Zusammenarbeit in der Forschung nicht notwendig sei, weil Einstein in der Schweiz auch ganz allein seine geniale Theorie erfunden und den Nobelpreis gewonnen habe. Der Schreiber versteht offenbar den wissenschaftlichen Betrieb nicht. Er bestimmt ihn aber mit, durch die Verbreitung seiner Meinung und durch seine Abstimmungsentscheide.

Ebenso stelle ich ein Fragezeichen hinter Pius Knüsels Aussage, dass «reife Menschen die Bedeutung von Wissenschaftsbetrieben für die Gesellschaft bestens einschätzen können». Die Fähigkeit, eine Sache richtig einzuschätzen, ist ja nicht nur eine Frage der Reife, sondern der Sachkenntnis. Es braucht Gelegenheiten, die Auseinandersetzung mit Wissenschaft umfassend zu pflegen. Hier setzt die Wissenschaftskommunikation an. Es geht dabei nicht um die Trivialisierung von Wissenschaft, sondern um Bildung in formellen und informellen Kontexten. Dabei entwickeln sich die Methoden immer mehr von «diffundierenden» zu partizipativen Modellen wie zum Beispiel Citizen Science.

Hingegen traue ich «reifen Menschen» zu, dass sie die Quellen von Informationen, inklusive Propaganda, kritisch einzuschätzen vermögen. Dies wird im Medienunterricht der Volksschule gelernt. Hier können Wissenschaftskommunikatorinnen und -kommunikatoren sicher mehr Redlichkeit beweisen, indem sie deklarieren, von welchem Ort aus sie sprechen, welche Perspektive sie einnehmen und welche Ziele sie verfolgen.

Innerhalb der Wissenschaftskommunikation halte ich die kritische Auseinandersetzung mit der Forschung und den Forschungseinrichtungen für zentral. Hier stimme ich mit Pius Knüsel überein. Dem Wissenschaftsjournalismus kommt dabei eine besondere Rolle zu, da er ausserhalb des Forschungsbetriebes steht und diesen besonders kritisch hinterfragen kann. Aber auch Journalismus findet in konkreten politischen und ökonomischen Kontexten statt. Die Voraussetzungen dafür, dass nicht einfach Inhalte von Medienmitteilungen übernommen, sondern die für eine kritische Auseinandersetzung notwendigen Recherchen gemacht werden, sind leider selten vorhanden.

In dieser Diskussion geht es nicht um die «richtige» Wissenschaftskommunikation, sondern darum, dass sich deren Akteurinnen und Akteure gemeinsam damit auseinandersetzen, welche Rolle sie haben, und dies entsprechend deklarieren. Wir sind diesbezüglich in einem Lernprozess. Eine vielfältige Wissenschaftskommunikation ist aber wichtig, um sicherzustellen, dass die Bewohnerinnen und Bewohner des Planeten an der von Forschung und Technologie geprägten Gesellschaft teilnehmen und diese kompetent mitgestalten können.


Hanna Sathiapal, Fachhochschule Nordwestschweiz

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