WAS HEISST HIER PROFESSIONELL?

Rubrik: Wissenschaftsvermittlung – Forschung und Lehre

Gleich vorweg – bei professioneller Wissenschaftsvermittlung geht um mehr als um die Fähigkeit, einen wissenschaftlichen Sachverhalt einem Laienpublikum einfach zu erklären.

Und um mehr als um die Kenntnis didaktischer Mittel zur zeitgemässen Vermittlung wissenschaftlicher Themen.

Bild: verschiedene Aktivitäten zum Thema Weltraum und DatenBild: verschiedene Aktivitäten zum Thema Weltraum und Daten

Informelle Lernfelder

Vielmehr geht es um das Verständnis, wie Lernen in informellen Lernfeldern funktioniert. Denn hier setzt die Wissenschaftsvermittlung hauptsächlich an. Wir verbringen einen viel grösseren Teil unseres Lebens in informellen Lernsituationen als in der Schule, sogar während der obligatorischen Schulzeit, wie die untenstehende Grafik zeigt.

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Bild: The LIFE Center Lifelong and Lifewide Learning Diagram – Citation Details

Informelle Lernfelder reichen vom Küchentisch, der Fernsehsendung, dem Kinderzimmer von Freundinnen und Freunde, dem Familienausflug, dem Hobbyverein, zum Science Festival oder Science Center – die Liste lässt sich beliebig erweitern.

Ein fiktives Beispiel: Ein Kind wird durch eine Aktivität an einem Science Festival vom Thema Weltraum inspiriert, erhält zum Geburtstag ein Buch und ein T-Shirt, dekoriert sein Zimmer mit Postern, spielt ein Weltraum-Game, baut mit Freundinnen Lego-Raumschiffe, besucht mit der Familie ein Science Center, schaut sich Fernsehsendungen und Youtube-Filme an, findet dort eine Bastelanleitung für den Bau einer Rakete, zündet sie im Geheimen, besucht mit der Grossmutter eine Sternwarte, spricht dort mit einer Astronomin, wünscht sich ein Teleskop, kann es nicht bedienen und meldet sich darum bei einem Astronomieverein, wo es im Kinderclub mitmacht und später Mitglied des Vorstandes wird.

Wir nutzen während unseres Lebens die verschiedensten Gelegenheiten, um das Wissen aufzubauen, das uns persönlich relevant und interessant erscheint. In der Realität ist der Prozess komplexer als im Beispiel oben. Es gibt Abweichungen und Brüche. Sie haben wahrscheinlich selber solche Erfahrungen gemacht. Ich jedenfalls ertappe mich immer wieder, wie ich bei meinen aktuellen Tätigkeiten Bezüge zu früheren Erfahrungen und Interessen mache, aber auch schon Wege gegangen bin, die nicht weiter führten.

Lerntheorien

In der wissenschaftlichen Diskussion wird von einem ‚ökologischen Modell des Lernens’ gesprochen, wenn es um informelle Lernfelder geht. Dieses sucht aus vielfältigen Perspektiven eine Synthese des informellen Lernens in unterschiedlichen Kontexten herzustellen (Bell p. 29). Diese Theoriearbeit ist zur Zeit noch im Stadium von ‚work in progress’.

Lerntheorien, die im Kontext schulischen Lernens entwickelt wurden, funktionieren in ausserschulischen Situationen nicht immer. Vielversprechend sind konstruktivistische Ansätze (wir konstruieren unser Wissen aus verschiedenen Quellen so, dass es für uns Sinn macht) oder solche, welche die Bedeutung von sozialen Interaktionen betonen.

Braucht es wirklich Theorien?

Warum sollen wir das alles so genau nehmen? Reicht nicht ein gewisses Talent, mit Leuten umzugehen? Durch learning by doing kann doch viel erreicht werden.

Tatsächlich ist ‚learning by doing’ wichtig und kann durch nichts ersetzt werden. Probieren, beobachten, anpassen, wieder probieren – ein iterativer Prozess.

Zudem sollen die Akteurinnen und Akteure der Wissenschaftsvermittlung so divers sein wie die Kontexte, in denen informelles Lernen statt findet: Eltern, Amateure, Pfadiführerinnen, Studenten, Wissenschaftlerinnen (deren Professionalität in dem von ihnen vermittelten Fachgebiet liegt, nicht in der Vermittlung selbst).

Will man jedoch ein bestimmtes Ziel erreichen, beispielsweise den Mädchenanteil in technischen Berufen steigern, genügt der Ansatz ‚trial and error’ nicht. In diesem Fall braucht es u.a. das Wissen darüber, wie stereotype Vorstellungen über technische Berufe im kulturellen Umfeld verankert sind und wie sie die Identitätsbildung von Mädchen (und Jungen) prägen. Dann geht es darum, Strategien zu entwickeln, um solche Stereotypen aufzubrechen.

Dieses Beispiel zeigt, dass hier ein professioneller Ansatz gefragt ist, aber Lerntheorien nicht genügen, um die komplexen Zusammenhänge von Lernen in informellen Lernfeldern zu erfassen. Vielmehr ist dies ein interdisziplinäres Unterfangen, das pädagogische, soziokulturelle, psychologische und wissenschaftshistorische Ansätze beinhaltet.

Klar ist, dass es für eine professionelle Wissenschaftsvermittlung  sowohl die Forschung als auch die Lehre braucht. Es braucht Ausbildungsmöglichkeiten auf allen akademischen Ebenen. Im Ausland, insbesondere in den angelsächsischen Ländern, existieren solche Möglichkeiten bereits, dies im Gegensatz zur Schweiz.

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Referenzen und Links

Bell, Philip et al. (2009): Learning Science in Informal Environments: People, Places, and Pursuits, The National Academies Press, Washington DC

Fenichel, Marilyn and Schweingruber, Heidi A. (2010): Surrounded by Science: Learning Science in Informal Environments, The National Academies Press, Washington DC

LIFE – Learning in Informal and Formal Environments

CAISE – Center for Advancement of Informal Science Education

Beispiele Ausbildungen in Science Communication / Informal Learning

Imperial College London

Australian National University

Universiteit Utrecht, Netherlands


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